durch die augen von alan maag, dessen lebensinhalt skaten, skater, bilder und die dazugehörigen geschichten sind
Text und Fotos von Alan Maag, Intro von Corinne Tâche-Berther

„Das Wort Freestyle besteht aus einem wesentlichen Element, welches grundlegend für die Skate-Kultur ist. Free… To be free oder Freedom. Freiheit ist das Fundament unserer Kultur.“ Alan Maag
Freestyle. Damit in Verbindung gebracht, löst dieses Wort bei vielen Skatern ein leises Schaudern aus. Nicht, weil es Eingefleischte an die Perioden der rosa Boxershorts und auf dem Tail rumhopsenden Skater erinnert (diese Ära ist ein Teil der Geschichte und Kultur des Skateboarding). Freestyle ist ein Begriff, welcher aus Erklärungsnot oder Mangel an Verständnis einer Gruppe von sogenannten ‘Sportarten’ auferlegt wurde. Sportarten, die nicht in das herkömmliche Schema von Leistungsstärke, Millisekunden und Zentimeter passten. Kennt man die jeweiligen Kulturen ein wenig, weiss man, dass keine es schätzt, von solch einem Sammelbegriff in einen Topf geworfen zu werden. Sei es Snowboarding, Surfen oder wie in unserem Falle, Skateboarding. Alle Kulturen bevorzugen es doch, beim Namen genannt zu werden? Abgesehen davon wurde das Wort Freestyle von den Medien so oft durchgekaut und wieder ausgespuckt, dass es seine Definition schon fast verloren hat. Es ist ein vager Begriff, welcher eine Lebenseinstellung, ein Gefühl, einen Individualismus zu verallgemeinern versucht. Den man entweder nicht versteht, nicht in Worte fassen kann oder einfach deshalb verwendet, weil es für die Aussenstehenden nachvollziehbar scheint. Ganz abgesehen davon schob man noch ein paar durch überschüssige Marketingbudgets kreierte Pseudoaktivitäten unter diesen Decknamen – womit wir wieder beim Topf wären.
Free… To be free oder Freedom. Freiheit ist das Fundament unserer Kultur. Die hier abgebildeten Charaktere sind Persönlichkeiten, die diese Freiheit nach ihren eigenen Wünschen ausleben. Oder wie Fabrizio Lucchini sagt ; „genau das tun, was ich will, wo ich es will, wann ich es will und wie ich es will.“ Das macht die Skateboarder zu einem Teil jener Leute, die der Einzigartigkeit unserer Kultur ihr Gesicht geben. Sie geben der ganzen Sache jene Würze, die so fasziniert. Weil die Skater bei dem, was sie machen, eine selten zu findende Freiheit geniessen. Fragt man sie, was Freestyle für sie bedeutet, bekommt man von den meisten erst mal eine hochgezogene Augenbraue als Antwort. Fragt man sie dann weiter, wie sie jene Freiheit, die sie geniessen, gegenüber Dritten erklären müssten, sieht es schon anders aus. Die meisten geben eine Antwort wie Fabrizio, denn zugegebenermassen ist es nicht ganz einfach, die passenden Worte dazu zu finden. Eine sehr überlegte Antwort fand Basile Amacher :
„Freestyle oder freedom sind Worte, die ich nur schwer mit Sport und meiner Lebensweise seit über zwanzig Jahren in Verbindung bringen kann. Um so weniger, weil ich französisch spreche – und die Eindrücke von beinahe einem ganzen Leben zu erklären, scheint mir schon in Französisch recht schwierig. Nun, ich will versuchen, sie in Worte zu fassen. Meine Ansicht über das Skaten hat sich im Verlauf der Jahre ziemlich stark verändert, weil der Sport selber in den letzten Jahren einen weiten Weg gemacht hat. Als ich mit Skaten begann, wurde es von älteren Leuten, wie meinen Eltern zum Beispiel, eher als ein Spielzeug betrachtet. Als Jugendlicher fühlt man sich ausgeschlossen und unverstanden und schafft sich deshalb seine eigene Welt mit seinen eigenen Spielregeln und seiner eigenen Sprache. Die Freunde – mit denen du alles teilst, lernst, Projekte realisierst, dich gegenseitig unterstützt, mit denen du in die Ferien fährst, Leute und Kulturen kennenlernst – werden zu deiner selbsternannten Familie. Skaten ist eine beschleunigte Lebensschule, weil man die meiste Zeit auf der Strasse verbringt und in direktem Kontakt mit den guten und schlechten Seiten der Gesellschaft ist. Die Freiheit für mich liegt im Skaten auf der Strasse, nicht wenn ich in Skateparks, Contests, Demos, Streetleagues und anderen Xgames unterwegs bin. Diese gehören dennoch zur Entwicklung unseres Sportes. Daran werde ich mich auch noch gewöhnen. Auf alle Fälle ist der Motor von alldem dieses Stück Holz, das mich zum Lachen und manchmal zum Weinen bringt, zum Leben und Träumen.“
Ein kleines Stück Holz ist der Motor. Ein kleines ‚Spielzeug’ ein Lebensinhalt. Sebi El Idrissi formuliert seine Freiheit so :
„Freiheit bedeutet für mich, das Geräusch meiner Wheels auf dem Asphalt zu hören, den Wind in den Haaren zu spüren und mein Umfeld als vorbeiziehenden Spielplatz zu betrachten. Jedes Mal, wenn ich von der äusseren Welt gelangweilt bin, stelle ich mich auf mein Brett und pushe los.“
Wer sich auf ein Brett stellt, lernt, die Welt um sich herum differenziert zu betrachten. Der von Basile erwähnte Eintritt in eine ‚andere Welt’ führt dazu, dass man sehr schnell einen starken Individualismus entwickelt. Man nimmt sich die Freiheit, sich abseits der Vorstellung einer strukturierten Gesellschaft zu bewegen. Dies mag mit ein Grund sein, weshalb viele Skater in gestalterischen und kreativen Bereichen tätig sind. Man lernt, alltäglichen Gegenständen einen neuen Nutzen zu geben. Man zweckentfremdet Alltägliches und formt es zu seinem eigenen Vorteil. Dieser Meinung ist auch Jan Hofer :
„Skateboarder interpretieren alltägliche Objekte neu. Strassenabsperrungen werden zu Wallrides, Laderampen werden zu Streetgaps. Mit einem Skateboard kann man Gegenstände anders nutzen, als es ihre Funktion vorschreibt, und dies bedeutet Freiheit.“
Laderampen zu nutzen ist auch ein Stück Freiheit, die man sich nehmen muss. Sie wird einem nicht gegeben. Man bestimmt selber, welchen Nutzen ein jeweiliges Objekt haben kann. Vielleicht ist es genau diese Auffassung, Verallgemeinerung und Klassifizierung eines Nutzens, der uns das Wort Freestyle sauer aufstossen lässt. Wieso sollte jemand von ausserhalb bestimmen, welche Art von Sport wir machen? Von jenem Augenblick an, in dem wir das erste Mal eine Ahnung davon erhascht haben, um was es beim Skateboarden wirklich geht, haben wir uns dagegen gewehrt, dass andere uns ihre Regeln auferlegen. Dass wir uns das nehmen, was wir wollen, weiss auch auch Gilles Gallicchio :
„Skateboarding bedeutet Freiheit, weil es uns erlaubt, unsere Wünsche zu erfüllen und die Angst vor mentalen und physischen Grenzen zu überwinden. Wir haben keine Verpflichtungen oder Aufgaben ausser denjenigen, die wir uns selber auferlegen und die wir dank Ausdauer, Willenskraft und Fleiss zu Ende führen. Freiheit, weil beim Skaten der Raum allen gehört und Begriffe wie Privatbesitz und ‘was mein ist, ist nicht dein’ keinen Platz haben.“
Im Endeffekt wird diese Freiheit wohl ein Gefühl bleiben, das man nicht wirklich erklären kann und vielleicht auch nicht will. Es gibt Momente und Situationen, die jeder Skateboarder kennt und die für uns alle selbstverständlich sind. Wieso sollten wir diese anderen zu erklären versuchen? Wir sind glücklich, sie zu kennen. Wer den Begriff trotzdem intensiver erfahren möchte, kann sich die Augen auf diesen Seiten ansehen. Seht ihr darin nicht auch eine tiefe Zufriedenheit, eine Zuversicht, das gefunden zu haben, was man machen will? Und diese Zuversicht kann uns niemand nehmen, egal welche Worte dafür gebraucht werden. Denn, wie es Alessandro Magnani so schön sagt :
„Es gibt keine Regeln im Skateboarding, deshalb habe ich es gewählt. Es ist so verdammt unglaublich.“
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