Die Kunst der Stille
Text Gemma Freeman – Foto Shutterstock
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Worte sind tabu. Kommunikation in jeglicher Form ist untersagt : sprechen, schreiben, Blickkontakt, Körpersprache und Mimik. Kein Fernseher, Telefon, Radio, Zeitschriften, Computer, Stifte, Musik oder Bücher. Nur du, deine eigenen Gedanken und ein leierndes Anleitungs-Tonband zur Unterhaltung, 12 Stunden lang, während du still auf der Stelle sitzt (ausser zum Essen) – zehn Tage am Stück. Und der Weckruf um 4 Uhr morgens. Du hast vielleicht das Gefühl, ein bisschen den Verstand zu verlieren, dir wird schlecht, du verspürst Schmerzen oder seltsame körperliche Empfindungen. Gnadenlose Folter ? Von wegen : Willkommen zum lebensverändernden Vipassana – auch bekannt als Einsichts-Meditation.
Unser tägliches Leben wird von Nachrichten überschwemmt. Die Statusupdates der Social Media infiltrieren unser Bewusstsein mit unzähligen Banalitäten. Zielgerichtete Werbung verfolgt uns durchs Netz. Und wir sehen uns gezwungen, an dem Geplapper teilzunehmen, uns der ganzen Welt mitzuteilen, aus Angst, sonst etwas zu verpassen. Heutzutage bedeuten Nachrichten 24-stündigen Stress für die Neuronen – ununterbrochene „Live-Updates“ durch endlose Bilderflut : Aufstände, Bomben, Finanzkrisen, steigende Arbeitslosigkeit, blasierte Politiker, Naturkatastrophen und oberflächlicher Celebrity-Wahn.

Unsere Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Bei Überreizung nimmt die Konzentration einer durchschnittlichen Person rapide ab. Unser Gehirn ist ein durchtränkter, unermüdlicher Schwamm, der ständig neu gefüttert werden will. Der Lärm des modernen Lebens ist anstrengend. Und wir haben dabei unser Gefühl für uns selbst verloren.

Doch man kann sich der „allzeit bereiten“ Kultur entziehen. Um die verwirrende Bombardierung des Gehirns zu bekämpfen, ist Vipassana eine extreme – aber wirksame – Methode, den Geist zu reinigen. Weitab von der ständigen Kommunikation (eine karmische Last, die die Buddhisten „sankharas“ nennen) sind die zehntägigen Einsichts-Meditationsretreats eine Tiefenreinigung für die Seele mit Hilfe der Stille. Das klingt sehr simpel, doch der uralte buddhistische Weg ist möglicherweise eine der schwierigsten und mühsamsten Erfahrungen deines Lebens – und eine, die dir die Augen öffnet und dein Leben verändert.

Vipassana bedeutet : „Die Dinge sehen, wie sie wirklich sind“. Dies wurde vor 2500 Jahren erstmals von Buddha gelehrt. Es führt uns über den Prozess der Selbstbeobachtung auf einen „Pfad zur inneren Weisheit“ – wobei der Geist von „Verunreinigungen“ und Leid befreit wird, um Körper und Geist wieder miteinander zu verbinden und wahres Glück zu erreichen. Ob Nonnen, Fans, Manager oder aufgeschlossene Auszeitnehmer – diese Praxis steht allen offen.

Wie ? Indem man nichts tut als denken. Man sitzt zehn Stunden am Tag mit geschlossenen Augen und lernt, den „affenartigen Geist“ zu beherrschen, indem man den Atem beobachtet – angeleitet durch Tonbandaufzeichnungen von S. N. Goenka, dem Kopf der Bewegung.
Zwischenmenschlicher Kontakt ist untersagt, ausser bei den Lehrer-Schüler-Gesprächen. Die vegetarischen Essenspausen sind das Highlight des Tages im Ashram.

Die ersten drei Tage sind zermürbend – man kämpft hauptsächlich mit Langeweile und dem nicht enden wollenden Strom der Gedanken. Doch gerade diese Herausforderung ist der Schlüssel zur Achtsamkeitsmeditation. Durch die Neufokussierung des Geistes will Vipassana die drei Ursachen des Leidens eliminieren : Verlangen, Abneigung und Ignoranz. Indem wir die Knoten unserer angelernten Erfahrungen lösen, lernen wir, „achtsamer“ zu sein – ganz im Sinne der Ratschläge, die Eckhart Tolle in seinem Bestseller „Jetzt ! Die Kraft der Gegenwart“ erteilt. Wenn sich das vollzieht, nach den ersten drei Tagen der „Vor-Meditation“, dann passiert etwas Magisches…

Am Tag vier hat das Gehirn endlich aufgehört zu plappern. Der Geist ist bereit für die echte Vipassana-Technik – Empfindungen im Körper zu beobachten, Stück für Stück, und zu lernen, nicht darauf zu reagieren. Die Ergebnisse in den Tagen vier bis neun sind intensiv, wie der Schriftsteller Kris McIntyre nach seinem zehntägigen Retreat in den Blue Mountains Australiens beschreibt : „Ich erlebe Flashbacks von Kindheitserinnerungen, Träume von meiner Zukunft und gewaltige emotionale und körperliche Befreiungen. Ich spüre auch ein seltsames Bewusstsein meiner selbst, das unabhängig ist von meiner Persönlichkeit und den Ablenkungen des täglichen Lebens.“
Lilys Erlebnis war sogar noch extremer – am siebten Tag spürte sie heftige Schmerzen am ganzen Körper, wie Phantom-Bienenstiche : „Zuerst dachte ich, es sei eine allergische Reaktion, aber es gab keine Anzeichen für irgendwelche Stiche, Beulen oder Ausschläge. Ich erinnerte mich an Szenen aus ‚Black Swan‘, wo Natalie Portmans Figur Schnitte spürt und Blut sieht, obwohl es gar nicht wahr ist.“

Klingt beängstigend ? Vielleicht, aber so ist das dunkle Potenzial unseres Geistes eben. Achtsamkeits-Meditation lehrt uns, dies zu kontrollieren : zu verstehen, dass körperliche Zustände ein direktes Ergebnis von geistigen Vorgängen sind. Dadurch werden wir ausgeglichener, ruhig und bereit, die Herausforderungen des Lebens positiv anzugehen. Aber erst, nachdem wir wieder gelernt haben, zu kommunizieren : „Wieder zu sprechen, fühlt sich seltsam an, und wir nähern uns einander wie nervöse Teenager auf der Schulparty“, erinnert sich Kris.

Ist es die Mühe wert ?
„Es sind Kleinigkeiten, die den Unterschied ausmachen“, erklärt Taylor Jacobson nach ihrem Kurs in Mumbai. „Der hyperaggressive Verkehr von Mumbai kann mir nichts mehr anhaben ; die andauernde Kakophonie der Baustellen
verstummt ; heute kam ich in die Küche, die wie ein Schlachtfeld aussah. Ich spürte ein kleines Brennen im Inneren, aber nicht lange.“

Ruhe, Konzentration und Frieden ? So sei es.

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